Die Wiederentdeckung des Huna

Seit dem Staatsstreich von Pa’ao hatte eine kleine Gruppe von Kahunas des Kane-Ordens durch alle Stürme der Zeit hindurch insgeheim die alte Lehre weitgehend intakt und am Leben erhalten, indem sie es von Generation zu Generation weitergaben.

 

Für die Europäer und Amerikaner, die nach Hawai’i kamen, waren die Geschichten über diese geheimnisvollen Männer und Frauen, die angeblich übernatürliche Fähigkeiten besaßen wie Hellsehen, Telepathie, Heilung durch Handauflegen, Töten mit Gedankenkraft oder das Laufen über glühende Lava reine Ausgeburten der Phantasie abergläubischer Wilder – in der Regel bis zu dem Moment, als sie persönlich Zeuge rational nicht erklärbarer Begebenheiten wurden oder gar selbst solche Erfahrungen machten.

 

Dr. King zählt in seinem eingangs erwähnten Buch „Kahuna Healing“ vier Gründe auf, warum es für Nicht-Hawaiianer so schwierig war, diesen Geheimnissen auf den Grund zu gehen.

 

So kostete es diese zu westlichem Vernunftdenken erzogenen, aufgeklärten und vielfach wissenschaftlich ausgebildeten Menschen natürlich nur allzu oft äußerste Überwindung, Dinge zu akzeptieren, die teilweise den physikalischen Gesetzen zu widersprechen schienen – man schien damit damit gefährlich nah an das eigene „finstere Mittelalter“ mit seinen Schauermärchen über Hexen, Magier und Dämonen zu geraten.

 

Mancher tiefgläubige Christ konnte und wollte auch nicht akzeptieren, dass diese vermeintlich unwissenden Heiden etwa mächtiger sein sollten als gottesfürchtige Christenmenschen und sogar Pastoren. Der Schluss lag nahe, dass sie solche Fähigkeiten nur einem Bund mit dem Teufel verdanken konnten.

 

Obendrein war es bereits zur Zeit von James Cook kaum noch möglich, einen Kahuna zu finden, der über das alte Wissen verfügte: 600 Jahre immer mehr entstellter Praktiken hatten mehr als genügt, davon fast nichts übrig zu lassen. So war „Kahuna“ nur noch ein bloßer Titel innerhalb der Priesterschaft einer Staatsreligion, die außer leeren Zeremonien, an deren Sinn sich niemand mehr erinnerte, nichts mehr zu bieten hatte. Kaum einer von ihnen besaß überhaupt noch oberflächliches Huna-Wissen, ihre Macht bezogen sie fast ausschließlich aus ihrer sozialen Stellung.

 

Der vierte Faktor schließlich war, dass die christlichen Missionare die Ausübung von Huna gesetzlich verboten und unter Strafe stellen ließen, sobald sie dazu genügend Macht hatten. „Zauberei“ und „Hexerei“ wurden mit Geldbußen von mindestens 100 Dollar oder bis zu 6 Monaten Zwangsarbeit bestraft. Sich als Kahuna auszugeben, die im Gesetz pauschal als Betrüger und Hochstapler bezeichnet wurden, und für seine Dienste Geld anzunehmen wurde mit bis zu 1000 Dollar Geldbuße geahndet. Dieses Gesetz blieb bis 1973 in Kraft.

 

Es liegt auf der Hand, dass spätestens jetzt auch kein wirklicher Kahuna je zugeben würde, einer zu sein. Zwar wirkten sie insgeheim weiter und halfen den Menschen, die sie aufsuchten, doch nur unter äußersten Vorsichtsmaßnahmen. Einen Kahuna zu finden war nur noch über gewisse „Kontakte“ möglich.

 

Die meisten Hawaiianer begannen nach der Selbstzerstörung ihres religiösen und kulturellen Fundaments unter dem Einfluss der christlichen Religion und der modernen westlichen Technologie die Kahunas und ihre Lehren immer mehr abzulehnen. So verloren sie nach und nach die Verbindung zu einem großen Teil ihres Erbes. Erst seit relativ kurzer Zeit haben die Hawaiianer begonnen, dieses mühsam wiederzuentdecken.

 

Dennoch beherrschen oberflächliche Stereotypen das Bild von der hawaiianischen Kultur. Als Beispiel sei eines der Sinnbilder der Inseln, der berühmte Hula-Tanz, genannt. Was die meisten für reine Folklore halten, diente auf der äußeren Ebene in seiner traditionellen Form ursprünglich der Götter- und Königsverehrung oder auch als Ausdruckstanz für alle möglichen Themen; auf der inneren Ebene ist er eine Art Bewegungsmeditation, ähnlich dem Tai Chi und verschiedenen Formen des Yoga.

 

Durch alle Zeiten hindurch gaben die Kahunas, wie oben schon erwähnt, ihr Wissen unbeirrt weiter, traditionellerweise an jemanden aus der eigenen Ohana, der Familie, wobei Kandidaten bei Bedarf auch adoptiert werden konnten. Diese wurden stets ausgesprochen sorgfältig ausgewählt, doch aus verschiedenen Gründen waren immer weniger Hawaiianer bereit, die Tradition ihrer Eltern fortzuführen: Neben der bereits angesprochenen, um sich greifenden Ablehnung der Huna-Lehre spielte es eine große Rolle, dass die indigene Bevölkerung Hawai’is zwischenzeitlich durch eingeschleppte Krankheiten sehr stark geschrumpft war, was zusammen mit zahlreichen Mischehen mit Nicht-Hawaiianern dazu führte, dass nur noch sehr wenige Kahunas übrig blieben.

 

Um dem alten Wissen eine Rennaissance zu ermöglichen, indem es mit einer möglichst großen Zahl von Menschen geteilt wird, gründete der Kahuna Dr. Serge Kahili King kurz nach der Lockerung der gesetzlichen Bestimmungen Huna betreffend in den 70er Jahren Huna International.

 

Die Familie Kahili, die Dr. King als jungen Mann adoptiert und zum Kahuna ausgebildet hatte, gehört zu jenen wenigen, die das ursprüngliche Wissen bewahrt haben.

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