Das finstere Zeitalter Hawai’is

Die Überlebenden im pazifischen Raum sammelten sich in Samoa und auf den Gesellschaftsinseln, wo sie begannen, unter Anleitung der übriggebliebenen Angehörigen der drei Orden ihre Zivilisation neu zu errichten. Viel später waren sie schließlich wieder in der Lage, große, hochseetüchtige Schiffe zu bauen, um die Reste des alten Kontinents zu erforschen und neu zu besiedeln. So gelangten auch die Vorfahren der Hawaiianer auf diese Inseln.

 

Die Neuankömmlinge landeten zuerst auf Kaua’i, wo sie auf eine Gruppe von ursprünglichen Menehune stießen. Diese waren zurückhaltend, aber freundlich und halfen den Hawaiianern gelegentlich. Sie besaßen unter anderem Tempel aus Stein (auf Kaua’i ist noch heute der steinerne Fußboden eines nicht den Hawaiianern zuzuordnenden Bauwerks zu besichtigen), Bewässerungssysteme und Fischzuchten. Die beiden Gruppen freundeten sich mit der Zeit an; es gab viele Mischehen, die allerdings schließlich den König der Menehune dazu bewegten, mit seinem Volk fortzugehen, damit es nicht durch die Vermischung mit den Menschen verschwand. Der Überlieferung nach verschwanden eines Nachts alle Mu spurlos von Kaua’i – niemand weiß wie oder wohin sie gingen.

 

Für viele Jahrhunderte war Hawai’i ein Paradies. Die Inseln standen in regelmäßigem Kontakt untereinander wie auch mit den anderen Polynesiern auf Samoa und Tahiti (mit den Maori in Neuseeland war dieser schon lange verlorengegangen) und betrieben regen Handel miteinander. Es herrschte Frieden und Wohlstand, wofür nicht zuletzt die Kahunas sorgten.

 

Irgendwann zwischen 1200 und 1300 unserer Zeitrechnung kam allerdings ein machthungriger und skrupelloser samoanischer Kahuna vom Ku-Orden namens Pa’ao mit einer Gruppe von samoanischen und tahitianischen Kriegern nach Hawai’i. Hier gelang es ihm zunächst, die Kontrolle über den hier ansässigen Ku-Orden und damit über die zeremonielle Religion zu erlangen. Auf dieser Basis und mithilfe seiner Krieger gewann er zunehmend auch politische Macht, mit der er seinen Herrschaftsbereich immer weiter ausdehnte.

 

Eine echte Gefahr stellten für ihn nur die anderen beiden Orden dar. Um den Lono-Orden auszuschalten, untersagte Pa’ao die Hochseeschifffahrt mit dem Argument, das sei gegen den Willen der Götter. Ankommende Schiffe wurden kurzerhand beschlagnahmt, und so brach der Kontakt zu den anderen Inseln bald vollständig ab. Da ihre Dienste nicht mehr benötigt wurden, wurden die Werften, Astronomie-, Schiffbau- und Navigationsschulen geschlossen, ihr Wissen ging mit der Zeit fast vollständig verloren – wie irgendwann auch im restlichen Pazifik die Erinnerung an Hawai’i und seine Bewohner selbst verblasste. Vom Lono-Orden blieben schließlich nur die Landwirtschaft, Fischerei und Kräuterheilkunde übrig, da diese nützlich und für die neue Ordnung ungefährlich waren.

 

Der Kane-Orden mit seinen Lehren von der individuellen Freiheit und Macht war einerseits erheblich bedrohlicher für Pa’ao, konnte aber zugleich am wenigsten unternehmen, denn direkte Machtmittel besaß er nicht, und seine Möglichkeiten zur Beeinflussung der Menschen gingen nur so weit, wie diese beeinflusst werden wollten. Die Bewohner Hawai’is leisteten aber in der Regel keinen Widerstand gegen den Staatsstreich Pa’aos und des Ku-Ordens, denn im Tausch für ihre persönliche Freiheit erhielten sie absolute Sicherheit durch die Krieger einerseits, vor allem aber die Gunst der Götter, die ihnen die Priester garantierten. So zogen sich die Kane-Schamanen entweder ins Inland zurück, wohin sich nur wenige Hawaiianer wagten, um von dort aus jenen zu helfen, die um ihre Hilfe baten, oder sie mischten sich unerkannt unter die Bevölkerung.

 

Der Ku-Orden selbst widmete sich immer stärker verzerrten Praktiken. Beispielsweise begannen sich schon bald zwei der Interessensgebiete dieses Ordens, der Sport und das Kriegswesen, zunehmend zu vermischen, bis der Krieg zum exklusiven „Sport“ der Adligen geworden war – ausgefochten und bezahlt natürlich mit dem Blut und Leben der einfachen Krieger.

 

Da Pa’ao und seine Nachfolger mit der Kontrolle über den Ku-Orden auch die alleinige Deutungshoheit in der Religion besaßen, wandelten sie diese zur Festigung ihrer Macht immer mehr in ein Herrschaftsinstrument voll von finsterem Aberglauben um – zum ersten Mal in der Geschichte Hawai’is wurden den Göttern Menschen geopfert, um deren Gunst zu erlangen und bewahren.

 

Auch die Gesellschaftsordnung wurde entsprechend verändert. Die Bevölkerung musste sich einem strengen feudalen Kastensystem ähnlich dem indischen oder dem zur selben Zeit in Europa üblichen unterwerfen. Jeder Rang in der sozialen Hierarchie war mit der Geburt festgelegt.

An der Spitze stand ein König, assisitiert von einem „Ministerpräsidenten“ und einem Hohepriester. Danach kamen die Adligen oder Häuptlinge, denen das Land gehörte, das die gewöhnlichen Menschen in harter Arbeit zu bewirtschaften hatten. Leibeigenschaft allerdings wie in Europa konnten die Adligen und Priester nie durchsetzen – auch die einfachen Hawaiianer behielten das Recht zu wählen, unter welchem Häuptling sie leben wollten und sich im entsprechenden Gebiet anzusiedeln. Die untereste Stufe schließlich bildeten die Ausgestoßenen, über die aber kaum etwas bekannt ist.

 

So streng die soziale Ordnung war, so drakonisch war auch das Strafrecht: Auf zahlreiche Vergehen stand die Todesstrafe, die sofort vollstreckt wurde – so durfte beispielsweise der Schatten eines gewöhnlichen Untertanen niemals auf den König fallen . Ebenso wurde sofort erdrosselt oder erschlagen, wer auf den Schatten des Königs trat oder hinter ihm vorbeiging. (Das hawaiische Wort für „Schatten“ bedeutet auch „Gelächter“; dies wurde folglich als Majestätsbeleidigung interpretiert.)

 

Die Grundlage der Gesellschaftsordnung Hawai’is war das kapu-System, ein Wort, dessen tonganesiche Form tabu hierzulande natürlich weit besser bekannt ist. Anders als die meisten Menschen glauben, bedeutet es aber keineswegs einfach nur „verboten“. Die volle Bedeutung schließt Begriffe wie „heilig“ oder „geweiht“ mit ein. Am besten lässt sich kapu mit der bei uns üblichen Schonzeit für Fischbestände oder Wild vergleichen: So wurde ein Teich für eine bestimmte Zeit mit einem kapu belegt, um Überfischung zu vermeiden, ebenso wie einem Acker dadurch Zeit zur Erholung gegeben werden sollte.

Ein kapu konnte allerdings auf beliebige Dinge ausgeweitet werden, wie etwa die Person des Königs. Da dies einerseits im Wesentlichen nur von Angehörigen der Priesterkaste ausgesprochen werden durfte und andererseits seine Übertretung schwerste Strafen nach sich zog, war seinem Missbrauch durch machtgierige Personen natürlich Tür und Tor geöffnet – es ließ sich entsprechend jederzeit in ein Werkzeug zur Unterdrückung und Drangsalierung der Bevölkerung verwandeln.

 

Für die frühen europäischen Besucher war ein kapu praktisch unverständlich. Dass sich die Eingeborenen weigerten, sich einem bestimmten Baum zu nähern oder einen bestimmten Bereich zu betreten, führten sie auf heidnischen Aberglauben zurück – ohnehin war Umweltschutz im 19. Jahrhundert keine Kategorie, in der die Menschen aus dem Westen dachten.

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